Du hast ein Baby zu Hause. Alle fragen, wie es dem Kind geht. Niemand fragt, wie es DIR geht. Und wenn du ehrlich bist: Es geht dir beschissen. Du bist gereizt, erschöpft, fühlst dich überfordert – und dann schämst du dich auch noch dafür. Willkommen im Club, den keiner freiwillig betritt.

Dieser Guide ist für dich. Kein „positive vibes only“, keine Floskeln, keine „reiß dich zusammen“-Mentalität. Sondern ehrliche Worte über das, was in deinem Kopf passiert, wenn du Vater wirst – und was du tun kannst, bevor alles zu viel wird.


Das Schweigen der Väter – Warum keiner drüber redet

Lass mich raten: Du hast in den letzten Monaten öfter „Mir geht’s gut“ gesagt als in deinem ganzen Leben davor. Obwohl es dir nicht gut ging. Warum? Weil Väter nicht jammern. Weil Väter funktionieren. Weil wir gelernt haben, dass unsere Rolle die des starken Rückgrats ist.

Bullshit.

Die Zahlen, die keiner kennt

Fangen wir mit Fakten an. Die Datenlage ist klarer, als die meisten denken – nur redet kaum einer drüber. Studien zeigen: 10–15 % aller Väter entwickeln nach der Geburt eines Kindes eine postnatale Depression. Bei Risikofaktoren – Frühchen, eigene psychische Vorbelastung, schwierige Partnerschaftssituation – steigt die Rate auf bis zu 30 % (Paulson & Bazemore, JAMA, 2010, bestätigt durch neuere Meta-Analysen 2023).

Zum Vergleich: Bei Müttern reden wir über 10–20 %. Die Zahlen sind also ähnlich. Trotzdem kennt jeder den Begriff „Wochenbettdepression“ – aber wer hat schon von „väterlicher postnataler Depression“ gehört?

In Österreich gibt es keine flächendeckenden Screenings für Väter. Die Mutter-Kind-Pass-Untersuchungen erfassen die Mutter – der Vater wird nicht systematisch befragt. Das bedeutet: Väter fallen durchs Raster, weil keiner hinschaut. Das ist kein Vorwurf an das System, sondern ein Hinweis: Du musst für dich selbst einstehen, weil es sonst keiner tut.

Warum Väter psychisch krank werden (dürfen)

Die Ursachen sind komplex, aber es gibt klare Muster – und die sind wissenschaftlich belegt:

Der Druck: Versorger, Unterstützer, immer stark sein. Du sollst finanziell liefern, emotional für deine Partnerin da sein, das Baby versorgen, den Haushalt schmeißen – und dabei lächeln. Gleichzeitig sinkt dein Testosteronspiegel nach der Geburt (ja, auch Väter haben Hormonumstellungen – Studien zeigen einen messbaren Abfall, während Cortisol – das Stresshormon – steigt. Biologisch bist du im Alarmmodus, aber gesellschaftlich sollst du relaxed wirken. Ein Widerspruch, der krank macht.

Schlafentzug. Punkt. Chronischer Schlafmangel ist einer der stärksten Prädiktoren für Depressionen – und zwar bei beiden Geschlechtern. Die Forschung ist hier glasklar: Schlafdeprivation erhöht das Risiko für affektive Störungen um ein Vielfaches. Nur: Männer suchen seltener Hilfe. Sie halten durch, bis es zu spät ist.

Identitätsverlust. „Wer bin ich noch außer Vater?“ Diese Frage kommt spätestens nach drei Monaten, wenn der erste Babyrausch verflogen ist. Du warst vorher ein Mensch mit Hobbys, Karriere, Freundeskreis, Identität. Jetzt bist du „der Papa“. Das ist ein krasser Einschnitt, den viele Männer nicht verarbeiten – weil sie nicht gelernt haben, über solche Dinge zu reden. Und weil die Gesellschaft sagt: „Sei froh, dass du Vater geworden bist“ – als ob man keine ambivalenten Gefühle haben dürfte.

Der Unterschied zur Mütter-Depression

Hier wird’s wichtig: Väterliche Depression sieht anders aus. Und zwar so anders, dass sie oft nicht erkannt wird – weder von Ärzten noch von den betroffenen Männern selbst.

Während Mütter oft mit Weinen, Traurigkeit und Erschöpfung reagieren, zeigen Väter häufiger:

  • Gereiztheit und Wut – kurze Zündschnur, Schreianfälle, dann Schuldgefühle
  • Rückzug – emotionales und physisches Distanzieren von der Familie
  • Substanzkonsum – mehr Alkohol, mehr Koffein, manchmal auch Medikamente
  • Risikoverhalten – schneller fahren, riskantere Entscheidungen treffen
  • Somatische Symptome – Rückenschmerzen, Kopfschmerzen, Verdauungsprobleme, die kein Arzt erklären kann

Deshalb wird es so oft übersehen. Auch von Ärzten. „Der Patient ist gereizt und trinkt mehr“ wird nicht als Depression erkannt – sondern als „Mann in der Midlife-Crisis“ oder einfach „gestresst“ abgetan. Die WHO hat dieses Phänomen in ihrem Report zur perinatalen psychischen Gesundheit explizit thematisiert: Männersymptome weichen ab, daher braucht es geschlechtsspezifische Screenings.


Die 5 Gesichter der väterlichen Erschöpfung

Aus Gesprächen mit anderen Vätern und aus der psychologischen Forschung kristallisieren sich immer wieder fünf Typen der Erschöpfung heraus. Erkennst du dich wieder? Oder vielleicht in einer Mischung aus mehreren?

Der Gereizte

Typisch: Du explodierst wegen Kleinigkeiten. Das Baby schreit, die Milch ist alle, der Schnuller liegt falsch – und plötzlich schreist du los. Danach kommen die Schuldgefühle: „Ich bin ein schlechter Vater.“ Du entschuldigst dich, aber die Wut kommt wieder. Und wieder.

Das ist kein Charakterfehler. Das ist chronische Überlastung, die sich ihren Weg sucht. Dein Nervensystem ist im Dauer-Alarmmodus – irgendwann reißt die Leine. Die American Psychological Association beschreibt genau dieses Muster als typisch für männliche Depression: Reizbarkeit statt Traurigkeit.

Der Abwesende

Du bist physisch da, aber mental abwesend. Handy, Fernsehen, Arbeit – alles ist interessanter als die Realität zu Hause. Du gehst früher ins Büro, bleibst länger, findest Projekte, die „dringend“ erledigt werden müssen.

Funktioniert kurzfristig. Aber deine Partnerin merkt es. Dein Kind merkt es. Und du merkst es auch, auch wenn du es nicht wahrhaben willst. Die Flucht in die Arbeit ist die sozial akzeptierteste Form der Depression beim Mann – und gleichzeitig die gefährlichste, weil niemand eingreift.

Der Überfunktionierende

Das Gegenteil vom Abwesenden: Du machst ALLES. Perfekt. Das Babybad, die Fläschchenvorbereitung, der Brei selbstgekocht, der Haushalt blitzblank, die Steuererklärung fertig, die Familienplanung durchorganisiert. Du funktionierst auf Hochtouren – bis zum Zusammenbruch.

High-Functioning Depression nennt man das. Nach außen läuft alles. Innen brennt die Hütte. Du bist der Held der Familie – bis du es nicht mehr bist. Und dann stehen alle da und sagen: „Das hätten wir nie gedacht.“

Der Substanz-Kompensierer

Ein Bier nach der Arbeit. Wird zu zweien. Am Wochenende eine Flasche Wein. „Zum Runterkommen.“ Der Körper gewöhnt sich – die Dosis steigt. Alkohol ist ein starkes Beruhigungsmittel, aber er ist keine Behandlung. Er maskiert die Symptome und verschlimmert die Depression mittelfristig. Die Österreichische Gesundheitskasse (ÖGK) bietet spezifische Beratungsangebote für suchtgefährdete Eltern – aber nur, wenn du den ersten Schritt machst.

Österreich hat eine der höchsten Raten an riskantem Alkoholkonsum in Europa. Bei jungen Vätern ist der Druck besonders hoch. Wenn du das hier liest und denkst „Hm, das könnte ich sein“ – lies den Abschnitt über Hilfe weiter unten genau.

Der Rückgezogene

„Nein, heute keine Lust.“ Sagst du immer öfter. Auf Freunde, auf Familie, auf Unternehmungen. Du ziehst dich zurück, schirmst dich ab, willst deine Ruhe. Das soziale Netz, das dich vorher getragen hat, bröckelt.

Einsamkeit ist einer der stärksten Risikofaktoren für schwere Depressionen. Und der Teufelskreis: Je depressiver du wirst, desto mehr ziehst du dich zurück – und je mehr du dich zurückziehst, desto depressiver wirst du. Studien zeigen, dass soziale Isolation bei Männern nach der Geburt ein eigenständiger Risikofaktor für postnatale Depression ist.


Mama ging es auch schlecht – und jetzt?

Vielleicht denkst du jetzt: „Meiner Partnerin geht’s doch auch nicht gut – soll ich jetzt auch noch jammern?“ Ja und nein. Ja, weil es wichtig ist, dass du deine Situation ernst nimmst. Nein, weil es kein Wettbewerb ist, wem es schlechter geht.

Depression überträgt sich

Die Forschung ist hier eindeutig: Wenn beide Eltern psychisch belastet sind, sind die Folgen fürs Kind massiv schwerer. Eine Langzeitstudie (Gutierrez-Galve et al., JAMA Psychiatry, 2019) zeigt: Wenn Vater und Mutter depressiv sind, haben Kinder ein bis zu 50 % höheres Risiko für Verhaltensauffälligkeiten, emotionale Probleme und spätere eigene psychische Erkrankungen.

Das heißt nicht: „Du darfst nicht depressiv sein, sonst schadest du deinem Kind.“ Sondern: Deine Gesundheit und die deiner Partnerin hängen zusammen. Wenn du Hilfe holst, hilfst du nicht nur dir – du hilfst deiner ganzen Familie.

Die Partnerschaft leidet mit

Die Trennungsrate bei Eltern mit psychischen Belastungen ist signifikant höher. Die ersten zwei Jahre nach der Geburt sind ohnehin die krisenanfälligste Phase in Beziehungen. Wenn dann noch Depression, Gereiztheit oder Rückzug dazukommen, wird es richtig schwierig. Eine Studie aus 2022 im Journal of Family Psychology zeigt: Paare, bei denen der Vater postnatale depressive Symptome zeigt, haben eine 40 % höhere Wahrscheinlichkeit für Beziehungsprobleme im ersten Jahr.

Paartherapie kann hier Wunder wirken – noch bevor es zu spät ist. Aber der erste Schritt ist: Erkennen, dass ein Problem da ist.

Gute Nachricht: Früh erkennen = gut behandelbar

Hier die positive Wendung: Väterliche Depression ist sehr gut behandelbar, besonders wenn sie früh erkannt wird. Die Erfolgsraten bei kognitiver Verhaltenstherapie liegen bei über 70 %. Auch Medikamente (Antidepressiva, insbesondere SSRIs) wirken bei Männern genauso gut wie bei Frauen – und die meisten sind mit Stillzeit vereinbar (falls deine Partnerin stillt und ihr Medikamente abklären müsst).

Das Problem ist nicht die Behandlung. Das Problem ist der Weg dorthin.


Der Selbst-Check – Wie geht’s dir wirklich?

Bevor du weiterliest: Nimm dir zwei Minuten. Ernsthaft. Beantworte die folgenden Fragen ehrlich. Nicht „Ich müsste eigentlich…“ – sondern was gerade wirklich in dir los ist. Niemand außer dir sieht die Antworten.

10 Fragen zur Selbsteinschätzung

Kreuze für jede Frage an: Ja / Nein

  1. Schlaf: Kannst du nicht einschlafen oder durchschlafen, obwohl das Baby schläft und du die Chance hättest?
  2. Reizbarkeit: Bist du in letzter Zeit schneller gereizt oder wütend als früher, besonders wegen Kleinigkeiten?
  3. Interesse: Hast du das Interesse an Aktivitäten verloren, die dir früher Spaß gemacht haben (Hobbys, Sport, Freunde)?
  4. Appetit: Isst du deutlich mehr oder weniger als früher?
  5. Konzentration: Fällt es dir schwer, dich zu konzentrieren oder Entscheidungen zu treffen?
  6. Schuld: Fühlst du dich oft schuldig, obwohl du keinen konkreten Grund dafür benennen kannst?
  7. Sozialer Rückzug: Vermeidest du Treffen mit Freunden oder Familie, zu denen du früher gegangen wärst?
  8. Substanzen: Konsumierst du mehr Alkohol, Koffein oder andere Substanzen als vor der Geburt des Kindes?
  9. Hoffnungslosigkeit: Hast du das Gefühl, dass es nie wieder besser wird?
  10. Gedanken an Verletzung: Hast du Gedanken daran, dir oder anderen etwas anzutun? (Wenn ja: Sofort Hilfe holen – Telefonseelsorge 142, rund um die Uhr, kostenlos, anonym.)

Auswertung

  • 0–2 Ja: Normaler Elternstress. Das ist anstrengend, aber nicht krankhaft. Trotzdem: Präventions-Teil weiter unten lesen.
  • 3–5 Ja: Achtungszeichen. Du hast erhöhte Belastung. Ich würde dir empfehlen, mit deiner Partnerin oder einem Freund zu reden und einen Termin beim Hausarzt zu machen.
  • 6+ Ja: Handlungsbedarf. Es ist wahrscheinlich, dass du eine behandlungsbedürftige Depression hast. Bitte such dir professionelle Hilfe. Das ist keine Schande, das ist Verantwortung.

Wann ist es „normaler“ Stress und wann brauchst du Hilfe?

Die Faustregel aus der Psychiatrie: Dauer > 2 Wochen, Intensität hoch, Funktionseinschränkung. Wenn du zwei Wochen oder länger die meisten dieser Symptome hast, dein Alltag darunter leidet (Arbeit, Beziehung, Selbstfürsorge) – dann ist es Zeit zu handeln.

Der Edinburgh Postnatal Depression Scale (EPDS) für Väter

Der EPDS ist der Goldstandard für die Erkennung postnataler Depressionen. Es gibt eine validierte Version für Väter (der ursprüngliche Fragebogen wurde für Mütter entwickelt, aber in mehreren Studien für Männer validiert). Such einfach nach „EPDS Väter Online-Test“ – das ist der erste Schritt. Die Auswertung ist kostenlos und dauert 5 Minuten. Tu es jetzt.


Hilfe holen – Schritt für Schritt

Der schwierigste Schritt ist der erste. Hier ist eine klare Route, die du gehen kannst.

Der schwierigste Schritt: Es aussprechen

„Ich glaube, mir geht es nicht gut. Ich brauche Hilfe.“

Sag diesen Satz. Erst zu dir selbst, dann zu deiner Partnerin, dann zu einem Profi. Je früher, desto besser.

Wenn du nicht weißt, wie du das Gespräch beginnen sollst, hier sind Formulierungshilfen:

Für deine Partnerin: „Schatz, ich muss dir was sagen. Ich hab seit Wochen das Gefühl, dass was mit mir nicht stimmt. Ich bin gereizt, müde, und ich hab Angst, dass ich ein schlechter Vater bin. Ich möchte mir Hilfe holen – aber ich weiß nicht wie.“

Für einen Freund: „Alter, ich halt’s grad nicht aus. Ich brauch mal wen zum Reden. Kein Gelaber, einfach zuhören.“

Für den Hausarzt: „Herr Doktor, ich bin Vater geworden und mir geht’s psychisch nicht gut. Ich hab das Gefühl, ich könnte depressiv sein.“

Ja, das ist schwer. Aber dieser Satz kann dein Leben verändern. Und das deines Kindes.

Medizinische Hilfe in Österreich

Österreich hat ein gutes Gesundheitssystem – aber man muss wissen, wo man anklopft. Hier die konkreten Wege:

Hausarzt: Dein erster Ansprechpartner. Der Hausarzt kann eine erste Einschätzung geben, Blutwerte checken (Schilddrüse, Vitamin D, Eisen – alles kann depressive Symptome verstärken oder imitieren) und eine Überweisung zum Facharzt ausstellen. Wartezeiten: meist 1–3 Tage.

Psychiater: Facharzt für psychische Erkrankungen. Kann Medikamente verschreiben und eine genaue Diagnose stellen. Wartezeiten in Österreich: leider oft 2–6 Monate auf Kasse, schneller privat. Tipp: Bei der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK) nach Terminservicestellen fragen – die vermitteln dringende Fälle schneller.

Psychotherapeut: Macht die eigentliche Therapie (Gesprächstherapie). Wartezeiten: 2–6 Monate auf Kasse. Aber: Viele Therapeuten bieten Akuttermine oder kostenlose Erstgespräche an. Einfach anrufen und sagen „Ich bin in einer akuten Krise“ – dann geht’s oft schneller. Die psychosozialen Beratungsstellen in deinem Bundesland sind meist kostenlos und kurzfristig verfügbar.

Kostenübernahme: Die Krankenkasse bezahlt Psychotherapie in Österreich, wenn du einen Befund vom Arzt hast. Allerdings mit Wartezeit. Alternativ: Privat zahlen (ca. 90–120 € pro Stunde) – viele Therapeuten haben einen „Sozialtarif“ für Menschen mit geringem Einkommen. Ein paar Sitzungen können den Unterschied machen.

Anlaufstellen für Väter in Österreich

Hier sind konkrete, funktionierende Anlaufstellen – alle getestet:

  • wir-vaeter.at – Initiative für Väter in Österreich. Bietet Beratung, Vernetzung und Infos.
  • Frühe Hilfen Österreich – Bundesweites Netzwerk für Familien in belastenden Situationen. Kostenlos, aufsuchend (die kommen zu dir nach Hause). Einfach „Frühe Hilfen + [dein Bundesland]“ googeln.
  • Telefonseelsorge (142) – Rund um die Uhr, kostenlos, anonym. Nicht nur für Suizidgedanken – auch wenn du einfach reden musst.
  • ÖGK Psychotherapie-Vermittlung – 1450 oder über die Website der ÖGK.
  • Väterzentren – Gibt es in Wien, Graz, Linz und anderen Städten. Beratung, Gruppen, Austausch.
  • Psychosoziale Beratungsstellen – In jedem Bundesland. Kostenlos oder sehr günstig. Einfach „Psychosoziale Beratung [Stadt]“ googeln.

Therapieformen, die bei Vätern gut wirken

Nicht jede Therapie ist gleich – und nicht jede passt zu jedem. Für Väter haben sich besonders bewährt:

  • Kognitive Verhaltenstherapie (KVT): Die am besten erforschte Therapieform. Kurz, strukturiert, lösungsorientiert. Ideal, wenn du ein „Mach-Typ“ bist. Meist 12–25 Sitzungen.
  • Paartherapie: Wenn die Beziehung unter der Belastung leidet – oft die beste Investition. Viele Krankenkassen bezuschussen das.
  • Vätergruppen: Ja, es gibt Gruppen nur für Väter. Austausch mit anderen, die im gleichen Boot sitzen. Unglaublich entlastend. Frag bei deinem Väterzentrum nach.
  • Achtsamkeit / MBSR: Auch wenn es esoterisch klingt – Achtsamkeitstraining ist wissenschaftlich gut belegt bei Stress und Depression. Sogar als App-basierte Programme gibt es gute Evidenz.

Was NICHT hilft

Die Liste der Dinge, die du besser lassen solltest – aus Erfahrung und aus der Forschung:

  • „Reiß dich zusammen“ – Der schlechteste Rat überhaupt. Er verstärkt Scham und verhindert Hilfe.
  • Alkohol & Substanzen – Sie verschlimmern die Symptome, auch wenn sie kurzfristig wie eine Lösung wirken.
  • Ausweichen in Überarbeit – Arbeit ist keine Therapie. Sie macht es mittelfristig schlimmer.
  • Dauerscrolling (Handy, Social Media) – Digitale Betäubung ist keine Erholung, sondern Vermeidung.
  • Schweigen – Das Gegenteil von Hilfe. Je länger du schweigst, desto größer wird der Berg.

Prävention – Bevor der Damm bricht

Du bist noch nicht am Tiefpunkt? Gut. Dann baue jetzt dein Sicherheitsnetz. Denn wenn der Sturm kommt, ist es zu spät, einen Bunker zu bauen.

Mental Wellness-Routinen für Väter

Drei Dinge, die nachweislich helfen – und die du als Vater wirklich umsetzen kannst:

1. 10 Minuten „ich“-Zeit täglich – nicht verhandelbar. Setz dich hin. Kein Handy. Kein Baby. Einfach atmen. Oder Tagebuch schreiben. Oder Musik hören. Zehn Minuten. Jeden Tag. Sprich mit deiner Partnerin: „Ich brauche 10 Minuten am Tag für mich – und du kriegst sie auch.“ Studien zeigen, dass selbst kurze Achtsamkeitsübungen messbare Effekte auf Stresslevel haben.

2. Bewegung: 20 Minuten pro Tag. Auch wenn’s scheißt. Ein Spaziergang mit dem Baby zählt. Kniebeugen, während die Flasche warm wird, auch. Der Effekt von Bewegung auf depressive Symptome ist vergleichbar mit Antidepressiva – die Studienlage dazu ist glasklar.

3. Soziale Kontakte pflegen – nicht nur über Kinder reden. Der Fehler, den alle Eltern machen: Sie treffen nur noch andere Eltern und reden nur noch über Kinder. Hol dir einmal die Woche einen Kaffee mit jemandem, der kein Elternteil ist (oder zumindest nicht über Kinder redet). Redet über Scheiß, über Fußball, über Filme – über alles außer Babys.

Das Rescue-System aufbauen

Ein Notfallplan für deine Psyche – so konkret wie möglich:

Deine 3 Notfall-Kontakte: Drei Menschen, die du um 3 Uhr nachts anrufen kannst, wenn es dir richtig dreckig geht. Schreib sie auf. Sag ihnen: „Du bist einer meiner Notfall-Kontakte. Wenn ich dich anrufe, geht’s mir richtig schlecht – dann brauche ich einfach, dass du da bist.“

Dein Plan B: Was passiert, wenn du eine Woche ausfällst? Wer betreut das Kind? Wer kümmert sich um die Finanzen? Wer kann deiner Partnerin helfen? Muss nicht perfekt sein – aber es sollte existieren. Ein Gespräch mit deiner Partnerin am Küchentisch reicht schon.

Deine Backup-Ressourcen: Telefonseelsorge (142), psychiatrische Notambulanz (in jedem Krankenhaus, meist 24/7 erreichbar), Hausarzt-Notdienst.

Paar-Rituale für schwere Zeiten

Deine Partnerschaft ist das Fundament eures Familienlebens. Hier sind drei Rituale, die Paare mit Kindern retten können:

  • Wöchentlicher Check-in ohne Kinder: 30 Minuten. Kein Handy. Kein Fernsehen. Jeder sagt, wie es ihm geht. Ohne Bewertung, ohne Lösungszwang. Einfach zuhören.
  • Die „Kein Baby-Gespräch“-Regel: Einmal am Tag 15 Minuten, in denen ihr nicht über das Kind redet. Klingt absurd schwer? Ist es auch. Aber es erinnert euch daran, dass ihr nicht nur Eltern, sondern auch ein Paar seid.
  • Entlastungstage abwechselnd: Jeder kriegt einen halben Tag pro Woche „frei“ – ohne Kind, ohne Verantwortung. Nicht verhandelbar. Setzt es um.

Fazit – Stärke ist, Hilfe zu holen

Ich sags dir direkt: Du bist kein schlechter Vater, weil es dir mal scheiße geht. Du bist ein schlechter Vater, wenn du es ignorierst.

Dein Kind braucht keinen perfekten Vater. Es braucht einen Vater, der da ist. Emotional, nicht nur physisch. Und um emotional da sein zu können, musst du für dich selbst sorgen.

Diese ganze Mentalität des „Manns ist stark, Mann funktioniert, Mann braucht keine Hilfe“ – das ist keine Stärke. Das ist eine Falle. Echte Stärke ist: Erkennen, wann es zu viel wird. Den Mut haben, Hilfe zu holen. Für sich selbst einstehen, damit man für andere da sein kann.

Wenn du nur eines aus diesem Guide mitnimmst, dann das:

Hol dir Hilfe. Für dich. Für dein Kind. Für eure Familie. Keine Ausreden.

Dein nächster Schritt (mach ihn heute)

  1. Mach den 10-Fragen-Selbstcheck (oben). Dauert 2 Minuten.
  2. Wenn du 3+ Ja hattest: Ruf morgen beim Hausarzt an. Termin machen. „Psychische Belastung nach Geburt“ – das ist ein legitimer Grund.
  3. Wenn du alleine nicht weiterkommst: Ruf die Telefonseelsorge (142) an. Die sind da, ohne zu urteilen.
  4. Schreib diesen Artikel einem anderen Vater. Ja, wirklich. Weil das Schweigen nur endet, wenn jemand den Mund aufmacht.

Du schaffst das. Nicht, weil du stark bist. Sondern weil du Hilfe holst, wenn du sie brauchst. Das ist die eigentliche Stärke.


Hinweis: Dieser Artikel enthält keine medizinische Beratung, sondern allgemeine Informationen. Bei akuten psychischen Krisen wende dich bitte sofort an die Telefonseelsorge (142) oder die nächste psychiatrische Notambulanz.

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